Staatsverschuldung und langfristiges Wachstumspotenzial
In einer Reihe von Analysen sind die Ökonomen Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff zu dem Schluss gekommen, dass mit Verschuldungsquoten von mehr als 90 % der jährlichen Wirtschaftsleistung eine drastische Reduzierung des Wachstumspotenzials einhergeht. Die Sichtweise magischer Schuldengrenzen hat sich seither etabliert und es unlängst auch in europäische Rahmenwerke, wie etwa die Maastricht-Kriterien geschafft. Eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds unter der Federführung von Andrea Pescatori, Damiano Sandri und John Simon kam Ende Februar zu einem gegenteiligen Schluss. Ihre Fiskalanalyse kann keine allgemeine magische Schuldengrenze nachweisen. Vielmehr ist neben der relativen Höhe der Verschuldung vor allem die Richtung der Verschuldungsentwicklung für das künftige Wachstum ausschlaggebend.
Quelle: Pescatori, Sandri, Simon
Staaten, die hoch, aber sinkend verschuldet sind, wachsen ebenso schnell wie vergleichbare Staaten mit niedrigem und stabilem Schuldenstand. Insbesondere sobald kurzfristige Effekte ausgeblendet werden, zeigt die Analyse einen nur noch schwachen Zusammenhang zwischen dem Überschreiten einer magischen Grenze und den beobachteten Wachstumsraten. Betrachtet man die Jahre fünf bis 15 nach Überschreiten der kritischen Schuldenquote lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang ablesen. Allerdings belegt die Analyse auch, dass die Volatilität der wirtschaftlichen Entwicklung mit steigender Schuldenquote tendenziell zunimmt. Die Autoren stellen klar, dass auch ihre Analyse nicht frei von ökonometrischen Problemen ist, jedoch lassen ihre Ergebnisse den Schluss zu, dass das Vorhandensein einer magischen Grenze, die bei Überschreiten das Wachstumspotenzial massiv beeinträchtigt, nicht belegt werden kann.