Absolut gestresst...

Absolut|report 5|2014}
… wurden in den vergangenen Wochen nicht nur die Bankbilanzen, gestresst wurden auch alle institutionellen Investoren, die auf die Veröffentlichung der neuen Anlageverordnung warten. Es reicht nicht, dass die Marktsituation anspruchsvoll ist. Welche Volatilität der Aktienmarkt zeigen kann, haben wir erneut im Oktober erfahren und wissen doch – aus leidvoller Erfahrung –, dass es noch schlimmer kommen kann. Die Zinsen sind pervers niedrig, die Spreads in vielen Credit-Investments so eng, dass keine sinnvolle Risikoprämie mehr eingepreist ist. Selbst High-Yield-Investments müssen schon sehr selektiv eingegangen werden und die Immobilienmärkte können sich vor Liquidität kaum retten.

Die wirtschaftliche Situation in Europa ist und bleibt angespannt, die weltwirtschaftliche Lage ist unsicher und an allen Ecken und Enden lauern Tail-Risiken, die institutionellen Investoren die strategische und taktische Asset Allocation verhageln können.

Als ob das nicht schon Stress genug wäre, sehen sich Investoren seit einigen Jahren einem Regulations-Tsunami gegenüber, der seine wahre Kraft erst in der Zukunft entfalten wird, dessen Schatten jedoch schon jetzt die Sicht auf eine vernünftige Asset Allocation verdunkeln. KAGB, ORSA, Solvency II, AIFM, EMIR und die seit Monaten erwartete Anlageverordnung
für die Versicherungsindustrie sind große Herausforderungen, deren Umsetzung nicht nur intellektuell anspruchsvoll, sondern auch zeit- und kostenintensiv ist.

Gerade die Verzögerung der Anlageverordnung bereitet vielen Investoren Sorge, da unsicher ist, ob das Verständnis von Gesetzgeber und Aufsicht in die Notwendigkeiten und aktuellen Herausforderungen einer institutionellen Kapitalanlage wirklich vorhanden ist. Die in der Entwurffassung enthaltene Forderung, dass alle Spezialfonds bis 2019 OGAW-kompatibel sein müssen, geht beispielsweise nahezu grotesk an der Realität vorbei. Übergangsfristen ändern daran nichts, ein Bestandsschutz drängt die Investoren in eine verantwortungslose Passivität.

Lösungen sehen viele in Strukturierung, Verpackung, steuerlicher und rechtlicher Arbitrage, anstatt über eine sinnvolle und diversifizierte Asset Allocation nachzudenken. Hier muss dringend Klarheit geschaffen werden und Vernunft muss einkehren. Alle Parteien sollten sich an einen Tisch setzen und neu denken.

Dennoch haben wir für Sie wieder neue Perspektiven für die institutionelle Kapitalanlage zusammengestellt, denn zum Kapitulieren ist es – absolut – zu früh.

Michael Busack
Herausgeber


Ausgabe: Absolut|report 5|2014