Fehlbewertung des Länderrisikos in der Eurozone
Das Länderrisiko von Staatsanleihen der Eurozone wurde am Markt in den vergangenen zehn Jahren systematisch falsch bewertet. Zu diesem Schluss kommt eine im Januar veröffentlichte Studie von Paul De Grauwe und Yuemei Ji. Die beiden Professoren von der Universität in Leuven haben den Erklärungsanteil von Fundamentaldaten an den beobachteten Spreads analysiert. Schon zu Beginn des Jahrtausends bestanden große Unterschiede in den Schuldenquoten der Mitglieder der Eurozone, jedoch haben die Teilnehmer der Bond-Märkten den Länderrisiken keine differenzierte Beachtung geschenkt. Erst mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 erfolgte eine Anpassung der geforderten Risikoaufschläge. Neu ist die Erkenntnis der Autoren, dass die Steigerung der Risikoprämien in den Peripheriestaaten im selben Maße überzogen ist, wie ihre Nicht-Anpassung im Zeitraum bis 2008. Seit dem Start der europäischen Schuldenkrise werde der Fehler nun in die andere Richtung gemacht, schreiben die Autoren.
Quelle: De Grauwe, Yuemei (2012)
Die systematische Fehlbewertung der Staatsschulden hat bis zur Finanzkrise die Booms im Immobiliensektor und die massive Verschuldung des privaten Sektors in der Peripherie finanziert. Seit 2008 führt die falsche Bepreisung nun zu Solvenzkrisen und tiefen Rezessionen. De Grauwe und Yuemei belegen damit ihre frühere These, dass die Bondmärkte in einer Währungsunion besonders fragil und anfällig für selbst-erfüllende Liquiditätskrisen sind. Ähnlich hoch verschuldete Staaten mit eigener Währung haben die Krise bislang ohne eine signifikante Spread-Vergrößerung überstanden.