22.12.2025 | (Weihnachts-)Märkte

Der Preis der Besinnlichkeit

Weihnachten ist kein Gefühl, sondern ein Geschäftsmodell – mit Glühwein als Leitwährung, Pollern als Schutzengeln und einer Bratwurst, die heimlich die Rendite erwirtschaftet. Dies zeigt die traditionelle Weihnachtsmarktanalyse von Prof. Thomas Beyerle, die dieses Jahr zum zweiten Mal unter der Flagge des Immobiliendienstleisters Strategiekollegen erschienen ist. Zentrale Kennzahl des Reports ist erneut der Glühweinpreis, der 2025 im Durchschnitt bei 4,85 Euro pro 0,2-Liter-Tasse liegt und damit rund 25 Cent höher als im Vorjahr. Das klingt harmlos, bis man merkt, dass die Preisspanne von provinziellen 2,50 Euro bis zu zweistelligen Großstadtbeträgen reicht, bei denen der Kunde nicht mehr zahlt, sondern vielmehr Buße tut. Entscheidend ist nicht Inflation oder Energiekrise, sondern ob der Wein „Winzer-“ heißt und ob man einen „Schuss“ bestellt (Letzterer ist die Weihnachtsmarkt-Version der privaten Krankenversicherung: völlig überteuert, aber emotional alternativlos, quasi der moralische Imperativ des Weihnachtsmarkts).

Warum ausgerechnet die Bratwurst oft teurer ist als der Glühwein, erklärt die Studie mit brutaler Ehrlichkeit. Glühwein ist das Lockprodukt: Er steht bewegungslos im Topf und verkauft sich praktisch von selbst. Die Bratwurst hingegen muss arbeiten – grillen, wenden, Hygiene einhalten, Strom fressen. Damit wird die Wurst gewissermaßen zum VIP-Gast. Und Premium kostet nunmal … Apropos Kosten: Wer sich fragt, warum trotz all dieser Preise die Standbetreiber nicht in Champagner baden, findet die Antwort in der Kostenrechnung. Ein mittelgroßer Stand in einer Großstadt verursacht Fixkosten zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Standmieten, Personal, Strom, Müll, Genehmigungen, Versicherungen, Dekoration und Wareneinsatz sorgen dafür, dass Weihnachtsmärkte weniger nach romantischem Nebenerwerb und mehr nach betriebswirtschaftlichem Hochseilakt aussehen. Ein verregneter Samstag entscheidet über Existenz oder Privatinsolvenz (schöner Reim, gell?).

Besonders erhellend ist auch der Blick auf Adventskalender. Schokoladenkalender erlauben den Herstellern mit rund 65 % Gewinnmargen, bei denen selbst Anbieter von Venture-Capital-Fonds für Retail-Investoren peinlich berührt wären. Bei Whisky-Kalender sind es dagegen „nur“ gut 40 %, wobei sie aber absolut deutlich mehr Gewinn bringen. Fazit: Schokolade ist der Margenstreber, Whisky der Cashflow-Profi. Im Januar verzichtet man dann auf beides und nennt es Selbstkontrolle oder Neujahresvorsätze, gewissermaßen eine Art moralische Abschreibung. Übrigens, Whisky kann aufgrund der vielen (Volumen-)prozente, die dem Destillat inhärent sind, als High-Yield-Investment betrachtet werden. Renditefragen stellen sich dabei erst am nächsten Morgen.


Quelle: Strategiekollegen

Interessant ist die Korrelation zwischen Sicherheitspollern und Glühweinpreis. Poller sind 2025 das, was früher Engel waren: omnipräsent, teuer und angeblich zu unserem Schutz da. Die neu entdeckte ökonomische Gesetzmäßigkeit lautet: Je mehr Poller, desto teurer der Glühwein, Sicherheit ist eben nicht umsonst. Im Gegenzug gibt es das gute Gefühl, nicht überfahren zu werden.

Einen überraschend lehrreichen Exkurs liefert die Biologie. Die Analyse weist darauf hin, dass männliche Rentiere im Winter keine Geweihe tragen, weibliche hingegen schon. Da Weihnachtsdarstellungen traditionell Rentiere mit Geweih zeigen, ist die Sache klar: Der Weihnachtsmann lässt sich demnach höchstwahrscheinlich von Rentierdamen ziehen (oder von kastrierten Männchen, was die Geschichte aber zugegebenermaßen auch nicht unbedingt rettet). Die Damen müssen also mal wieder die Arbeit machen, während der Herr bequem die Zügel in der Hand behält (Tradition verpflichtet). Etwas versöhnlicher könnte man sagen: Die Damen gehen voraus und zeigen, wo es langgeht.

Wir wünschen unseren Lesern ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2026.

Abonnenten von Absolut Research können weiterführende Informationen hier herunterladen:
Analyse
zurück